Ratgeber

Mehrarbeit in Deutschland 2026: Warum die Mehrheit längere Arbeitszeiten ablehnt

Prof. Dr. Malte Martensen zur Studie über Mehrarbeit und 48-Stunden-Woche

48 Stunden arbeiten – für das gleiche Gehalt?

Die Debatte um Mehrarbeit gewinnt in Deutschland an Dynamik. Politische Diskussionen zur 48-Stunden-Woche, wirtschaftliche Unsicherheiten und steigender Fachkräftemangel führen dazu, dass Arbeitszeitmodelle neu bewertet werden. Während Unternehmen nach Produktivitätssteigerungen suchen, stellen viele Beschäftigte die Frage nach Lebensqualität, Gesundheit und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Eine repräsentative Studie der IU Internationale Hochschule zeigt nun deutlich: Der Großteil der Arbeitnehmenden lehnt eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden ab. Stattdessen gewinnen flexible Modelle wie die 4-Tage-Woche an Zustimmung. Für online-karriere.de analysieren wir die Ergebnisse und ordnen sie arbeitsmarktpolitisch ein.

Mehrarbeit und 48-Stunden-Woche: Deutliche Ablehnung in der Bevölkerung

Die Studie „Arbeitszeitmodelle der Zukunft: Mehrarbeit vs. Lebensqualität?“ basiert auf einer Befragung von 2.000 Arbeitnehmenden in Deutschland. 73,5 Prozent geben an, dass sich eine 48-Stunden-Woche eher negativ oder sehr negativ auf ihr Leben auswirken würde. Dieses Ergebnis ist bemerkenswert deutlich und zeigt eine klare Haltung gegenüber längeren Arbeitszeiten.

Besonders häufig werden folgende erwartete Auswirkungen genannt:

  • Zu wenig Zeit für Familie und Freund:innen – 53,7 Prozent
  • Minderung der persönlichen Lebensqualität – 51,7 Prozent
  • Weniger Zeit für Hobbys und eigene Projekte – 49,5 Prozent
  • Anstieg körperlicher Probleme – 46,8 Prozent
  • Zunahme psychischer Belastungen – 43,5 Prozent
  • Weniger Zeit für Care-Arbeit – 38,2 Prozent

Diese Zahlen verdeutlichen, dass Mehrarbeit nicht primär als wirtschaftliche Chance, sondern als Risiko für Gesundheit und soziale Stabilität wahrgenommen wird. Nur 16,7 Prozent sehen in der 48-Stunden-Woche die Möglichkeit, flexibel auf erhöhten Arbeitsanfall zu reagieren. Positive Aspekte bleiben damit deutlich in der Minderheit.

„Die zentrale Frage ist nicht, ob wir mehr oder weniger arbeiten, sondern wie wir Arbeit zukunftsfähig gestalten können. Längere Arbeitszeiten führen nachweislich zu mehr Fehlern – mehr Stunden bedeuten nicht automatisch mehr Produktivität. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass eine Ausweitung der Arbeitszeit abgelehnt wird. Für die Zukunftsfähigkeit sind daher eher effizientere Prozesse, eine moderne Arbeitskultur und flexible Modelle entscheidend, die sowohl wirtschaftliche Anforderungen erfüllen als auch Beruf, Privatleben und die physische sowie psychische Gesundheit berücksichtigen“, ordnet Prof. Dr. Malte Martensen, Professor für Allgemeine BWL mit Schwerpunkt Personalmanagement und Organisation an der IU Internationale Hochschule, die Ergebnisse ein.

Auswirkungen von Mehrarbeit auf Produktivität und Arbeitsqualität

Neben der Lebensqualität steht die Frage im Raum, ob Mehrarbeit tatsächlich die Leistungsfähigkeit erhöht. Die Befragten zeigen sich hier skeptisch. 42,9 Prozent befürchten ein höheres Fehlerrisiko aufgrund sinkender Konzentration. Ein Drittel erwartet eine Minderung der Produktivität.

Besonders kritisch wird die Möglichkeit bewertet, an einzelnen Tagen bis zu zwölf Stunden zu arbeiten. 84,8 Prozent stimmen der Aussage zu, dass dadurch mehr Fehler entstehen würden. Diese Einschätzung deckt sich mit arbeitspsychologischen Erkenntnissen, wonach Konzentrationsfähigkeit und kognitive Leistungsfähigkeit nach mehreren Stunden deutlich nachlassen.

Für Unternehmen bedeutet dies: Eine rein quantitative Ausweitung der Arbeitszeit könnte kontraproduktiv wirken. Fehlerquoten, Krankheitsausfälle und sinkende Motivation verursachen mittel- bis langfristig höhere Kosten. Aus Karriereperspektive sollten Beschäftigte deshalb sorgfältig prüfen, welche Arbeitszeitmodelle langfristig tragfähig sind.

4-Tage-Woche als Alternative zur Mehrarbeit

Während die 48-Stunden-Woche mehrheitlich abgelehnt wird, erfährt die 4-Tage-Woche breite Zustimmung. 33,9 Prozent halten dieses Modell für am besten geeignet für ihre Lebenssituation. 83,2 Prozent erwarten positive Auswirkungen auf ihr Leben.

Die wichtigsten erwarteten Vorteile:

  • Mehr Zeit für Familie und Freund:innen – 59,5 Prozent
  • Mehr Zeit für Hobbys und persönliche Projekte – 56,1 Prozent
  • Längere Erholungsphasen – 54,8 Prozent
  • Höhere Lebenszufriedenheit – 53,8 Prozent
  • Steigende Produktivität an Arbeitstagen – 38,0 Prozent

Bemerkenswert ist die Erwartung steigender Produktivität. Fast vier von zehn Befragten gehen davon aus, dass konzentrierteres Arbeiten an vier Tagen effizienter ist als fünf reguläre Arbeitstage.

„Die Ergebnisse der Studie machen deutlich: Die Mehrheit der Befragten bevorzugt kürzere Arbeitszeiten. Insbesondere Modelle wie die 4-Tage-Woche werden als positiv bewertet, da sie mehr Zeit für Familie, Erholung oder das gesellschaftlich wichtige Ehrenamt ermöglichen. Gleichzeitig wird die Produktivität an Arbeitstagen erhöht. Solche Erkenntnisse können Orientierung bieten, wenn es darum geht, Arbeitszeitmodelle zukunftsfähig zu gestalten“, so Prof. Dr. Martensen.

Dennoch äußern 16,7 Prozent die Sorge, dass der Leistungsdruck steigen könnte. Die erfolgreiche Einführung hängt daher stark von Unternehmenskultur, Führung und klaren Zielvereinbarungen ab.

Vergleich der Arbeitszeitmodelle: Mehrarbeit vs. 4-Tage-Woche

Kriterium 48-Stunden-Woche 4-Tage-Woche
Bewertung der Lebensqualität 73,5 % negativ 83,2 % positiv
Erwartete Produktivität 33,6 % sinkend 38,0 % steigend
Gesundheitsrisiko 46,8 % körperlich Mehr Erholung (54,8 %)
Work-Life-Balance Mehrheitlich kritisch Mehrheitlich positiv
Umsetzbarkeit Politisch diskutiert Teilweise Pilotprojekte

Die Tabelle zeigt klar: Mehrarbeit wird überwiegend mit Belastung assoziiert, während die 4-Tage-Woche als Chance wahrgenommen wird. Allerdings ist die praktische Umsetzbarkeit branchenabhängig. Produktionsbetriebe, Gesundheitswesen oder sicherheitsrelevante Berufe stehen vor anderen Herausforderungen als wissensbasierte Tätigkeiten.

Vollzeit, Teilzeit und flexible Karrierewege

Trotz der klaren Ablehnung der 48-Stunden-Woche bleibt das klassische Vollzeitmodell mit 35 bis 40 Stunden für 44,7 Prozent die bevorzugte Option. Knapp 18,5 Prozent bevorzugen Teilzeitmodelle. Diese Verteilung zeigt, dass viele Beschäftigte Stabilität schätzen, jedoch keine Ausweitung der Arbeitszeit wünschen.

Für Karriereplattformen wie online-karriere.de ergibt sich daraus eine klare Tendenz: Flexible Arbeitszeitmodelle sind ein entscheidender Wettbewerbsfaktor im Recruiting. Unternehmen, die starre Modelle verfolgen, riskieren Nachteile bei der Fachkräftegewinnung.

Langfristig wird die Frage der Mehrarbeit daher nicht isoliert betrachtet werden können. Entscheidend ist, wie Arbeitszeit, Effizienz, Gesundheit und Lebensqualität miteinander in Einklang gebracht werden.

Mehrarbeit im Kontext von Fachkräftemangel und Arbeitgeberattraktivität

Für Unternehmen stellt sich die Frage, ob längere Arbeitszeiten tatsächlich ein geeigneter Hebel zur Bewältigung wirtschaftlicher Herausforderungen sind. Angesichts des Fachkräftemangels könnte die Attraktivität moderner Arbeitszeitmodelle jedoch entscheidender sein als eine Ausweitung der Wochenstunden.

Arbeitszeit wird zunehmend zum strategischen Faktor im Recruiting. Wer qualifizierte Fachkräfte gewinnen und langfristig binden möchte, muss Rahmenbedingungen schaffen, die Leistungsfähigkeit und Gesundheit sichern.

FAQ zum Thema Mehrarbeit

Was versteht man unter Mehrarbeit?
Mehrarbeit bezeichnet eine Ausweitung der regulären Arbeitszeit über das vertraglich oder gesetzlich festgelegte Maß hinaus.
In der aktuellen Debatte geht es häufig um mehr Flexibilität bei der Verteilung der Arbeitszeit (z. B. weg von einer starren Tagesgrenze)
und um Modelle, bei denen die wöchentliche Obergrenze stärker in den Mittelpunkt rückt. Entscheidend ist dabei immer:
Was steht im Arbeitsvertrag, was gilt tariflich – und was erlaubt das Arbeitszeitrecht.
Ist Mehrarbeit produktiver?
Nicht automatisch. Viele Beschäftigte verbinden Mehrarbeit eher mit sinkender Konzentration, mehr Fehlern und
höherer Belastung – vor allem, wenn längere Wochen „oben drauf“ kommen, statt Prozesse besser zu machen.
Produktivität entsteht meist durch gute Abläufe, Priorisierung, Pausen und realistische Planung – nicht nur durch mehr Stunden.
Warum wird die 4-Tage-Woche positiv bewertet?
Die 4-Tage-Woche wird oft positiv bewertet, weil viele sich mehr Erholung, eine bessere Work-Life-Balance und
höhere Lebenszufriedenheit versprechen. Gleichzeitig erwarten manche, an den verbleibenden Tagen fokussierter zu arbeiten.
Wichtig ist die Ausgestaltung: Ob die Wochenarbeitszeit sinkt oder nur anders verteilt wird, macht in der Praxis einen großen Unterschied.
Bleibt Vollzeit weiterhin das Standardmodell?
Ja, Vollzeit bleibt für viele das Standardmodell – häufig im Rahmen von 35 bis 40 Wochenstunden.
Sie bietet Planungssicherheit und ist in vielen Branchen weiterhin der Normalfall. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach flexibleren Strukturen
innerhalb dieses Rahmens – etwa durch Gleitzeit, Homeoffice-Regelungen, mehr Selbststeuerung oder klarere Überstunden-Logik.

Für Beschäftigte bedeutet die Diskussion um Mehrarbeit vor allem eines: Arbeitszeit wird zum strategischen Karrierethema. Wer langfristig leistungsfähig bleiben will, braucht nicht mehr Stunden, sondern bessere Rahmenbedingungen.

Das könnte dir auch gefallen

Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.